Das sind die Stunden…

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Das sind die Stunden, die der Sehnsucht heilig sind:

Wenn in den Blütenblättern still der Abendwind
ein dämmerdunkles Lied der müden Wehmut rauscht
und dann verstummend selbst dem Spiel der Töne lauscht,
wenn alle Kelche sommerschwere Düfte glühn,
und ferne Himmelsrosen purpurblutend blühn,
und unsrer Kindheit wundersame Märchenglocken
mit weicher Liebesmär die Seelen an sich locken,
wenn lautes Leben wesenlos vorüberrinnt …

Das sind die Stunden, die der Sehnsucht heilig sind.

Stefan Zweig (1881 – 1942)

Sommer

 

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Sommer

Zwischen Roggenfeld und Hecken
führt ein schmaler Gang;
süßes, seliges Verstecken
einen Sommer lang.

Wenn wir uns von ferne sehen,
zögert sie den Schritt,
rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
unschuldig geschmückt,
sich den Hut verlegen nieder
in die Stirn gedrückt.

Finster kommt sie langsam näher,
färbt sich rot wie Mohn;
doch ich bin ein feiner Späher,
kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
ruhig liegt die Welt,
und es hat an ihre Seite
mich der Sturm gestellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
führt ein schmaler Gang;
süßes, seliges Verstecken
einen Sommer lang.

Detlev von Liliencron (1844-1909)

Sommerglühen

Helmut La. 25

 

SOMMERGLÜHEN

GERANIEN lachen von den Fensterbrettern,
Duftnelken nicken aus den Gartenbeeten,
in ungezählten dichten Dolden klettern
Glycinien durch die hohen Holzstaketen.

Das Landhaus hält die Lider dicht geschlossen,
in Weißglut strahlt die Sonne von den Wänden,
turmträge Tauben hocken in den Gossen. —
Ein Flimmern rings, ein Glühen, Gleißen, Blenden.

Gleich hinterm Gartenzaune schläft die Wiese,
der nahe Wald träumt süße Sommerträume,
und ohne Aufhör schießt der Bergesriese
Goldpfeile in die mittagsschwülen Räume.

Richard Koppin (* ? -† 1939)

Vor dem Sommerregen

Helmut La. 54

 

Vor dem Sommerregen

Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark

ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus:
So sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß

erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als dürften sie nicht hören was wir sagen.

Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind.

Rainer Maria Rilke
Aus Neue Gedichte 1. Teil

Gislinde

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Trennung ist unser Los,
Wiedersehen ist unsere Hoffnung.
So bitter der Tod ist,
die Liebe vermag er nicht zu scheiden.
Aus dem Leben ist er zwar geschieden,
aber nicht aus unserem Leben;
denn wie vermöchten wir ihn tot zu wähnen,
der so lebendig unserem Herzen innewohnt!

Ein Mensch, den wir liebten, ist nicht mehr da.
Aber er ist überall, wo wir sind und seiner gedenken.

Aurelius Augustinus 354-430 n.Chr.

*

Mein tiefes Mitgefühl

den Anhörigen.

 

Des Sommers Ruhe

Helmut 42

 

Des Sommers Ruhe

Der Duft der Gräser zieht zur Stadt hinein,
und alles Leben sättigt Sonnenschein.

Selig und träg, in wohligem Ermatten
lieg ich zurückgelehnt in luftigem Schatten.

Still lächelnd, wie ein dummvergnügtes Kind,
blinzl ich zum Fenster, wo der warme Wind

mit rotgestreiften Jalousien spielt,
wo dann und wann das Licht ins Zimmer schielt.

O tiefes Glück, befreit von Wunsch und Denken,
sich ganz in heitres Spielen zu versenken,

ob alles Werdens Angst zu triumphieren –
sich in des Sommers Ruhe zu verlieren.

Otto Erich Hartleben (1864 – 1905)

Sommerglück

Helmut La. 38

Sommerglück

Blütenschwere Tage
in Düften und Gluten rings,
mein Herz tanzt wie auf Flügeln
eines trunkenen Schmetterlings.

Die Rosen über den Mauern,
der Birnbaum darüber her,
alles so reich und schwer
in sehnenden Sommerschauern.

Das juligelbe Land
mit dem träumenden Wälderschweigen
fern am duftigen Rand,
darüber die Wolken steigen –

O, wie sag ich nur,
was alles mein Wünschen ins Weite führt!
Mich hat des Glücks eine leuchtende Spur
mit zitternder Schwinge berührt.

Gustav Falke (1853-1916)

Feuerwerk

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Feuerwerk

Heut‘ laßt uns kein Pulver schonen,
schießet, daß es pufft und kracht,
aus den Büchsen, den Kanonen
schießet Breschen in die Nacht.

Auf! laßt die Raketen steigen,
brennt die röm’schen Lichter los,
Feuerwerk, du sollst dich zeigen,
daß sich freue Klein und Groß.

Wie sie steigen, wie sie fallen,
Stern an Sternlein in der Luft,
laßt es prallen, laßt es knallen,
bis der letzte Knall verpufft!

Frische krachen, Schlangen zischen,
Feuerteufel Feuer spei’n,
Räder schwirren und dazwischen
schwärmen all die Schwärmer drein.

Schwarz sind schon Gesicht und Hände,
und noch schwarzer ist die Nacht,
o so leucht‘ uns denn zu Ende
noch der goldnen Sonne Pracht.

Wie in tausend Feuerfarben
ihr geliebtes Bild erscheint,
wie zu Kränzen, wie zu Garben
sich die Flammensaat vereint.

Eines um das Andre tauchet
aus der Fluthen Gluth empor.
Bis verhauchet, bis verrauchet
auch der letzte Sonnenflor.

Nun, noch einmal die Raketen,
daß es pufft und daß es kracht,
löst noch einmal die Laveten,
puff! und paff! — und gute Nacht.

Karl Rudolf Hagenbach (1801-1874)
Schweizer Theologe und Kirchenhistoriker

*

Ausgesucht zu den

„KÖLNER-LICHTER“

2017

Sommerlied

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Sommerlied

Der Morgenwind weht mir ein schönes Lied entgegen
ein Sommerlied, so farbenfroh und wunderbar.
Es klingt wie Harfenspiel, wenn sich die schlanken Halme regen.
Wenn sich die goldnen Ähren sanft im Wind bewegen,
ist es, als streichle eine zarte Frauenhand mein Haar.

Der Vogel streift den Morgentau von dem Gefieder.
Ein Duft von Heu und Gräsern weht herauf vom Wiesengrund.
Beim Kornfeld setz‘ ich mich am Rand des Weges nieder.
Der rote Mohn erfreut mich immer wieder
gleich einem vollerblühten, süßen Frauenmund.

In blauer Ferne höre ich ein Volkslied klingen
so wie es Bauernmädchen singen, die zur Arbeit gehn.
Und die Gedanken flattern mit den Schmetterlingen.
sie bringen Grüße dir auf bunten Schwingen
von mir und einem Sommermorgen wunderschön.

Man fühlt den Odem der Natur vorüberwehen
trinkt die Musik und ihre Farbenmelodie.
Man lernt die Nichtigkeit des Menschen ganz verstehen
die Hände faltend, dankbar zu den Wolken sehen,
vor der unendlich, herrlich großen Sinfonie.

Fred Endrikat (1890-1942)

Nun die Schatten…

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Nun die Schatten dunkeln,
Stern an Stern erwacht:
Welch ein Hauch der Sehnsucht
flutet durch die Nacht!

Durch das Meer der Träume
steuert ohne Ruh,
steuert meine Seele
deiner Seele zu.

Die sich dir ergeben,
nimm sie ganz dahin!
Auch, du weißt, dass nimmer
ich mein Eigen bin.

Emanuel Geibel (1815 – 1884)

Die Seele kann nicht leben ohne Liebe,
sie muss etwas lieben,
denn sie ist aus Liebe geschaffen.

Katharina von Siena (1347-1380)