Septembernacht

gute-nacht-3

Septembernacht

Das sind die zarten, sommermüden Nächte,
die still und sanft aus linden Mutterhänden
der müdgehetzten Seele Ruhe spenden.

Wie weisse, lichte Nebel ziehn die Stunden,
und über heisse, nievernarbte Wunden
kühlt köstlich heilendes Vergessen.

Und Kindheitsträume, keusch wie Frühlingsblumen,
die lang im hartgefrornen Erdreich schliefen,
entsteigen den verborgnen Seelentiefen.

Und breiten leise flaumbedeckte Schwingen,
die lautlos zu den weissen Fernen dringen …
in diesen stillen herbstgebornen Nächten.

Maria Waser (1878-1936)

blatt kl.

Advertisements

Die fünfte Jahreszeit

landschaften kostenl.

 Die fünfte Jahreszeit

Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist,
wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt,
so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe
Herbst noch nicht angefangen hat – dann ist die fünfte Jahreszeit.

Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich
aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist,
gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber .
Nun sind da noch die Blätter und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu
gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist:
im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.

Mücken spielen im schwarzgoldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne,
tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen …
kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt,
es ist ganz still. Ein Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.

So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst.
Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert –
und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher …
aber nun ist alles anders….

Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht,
es solle nie, nie aufhören… Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen
beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

 

Gedenke, Seele…

rose u. buch gif

Gedenke, Seele, deiner Blütenzeit!
Wie ist sie fern! Versunken und verklungen!
Ihr blauen Tage, o wie seid ihr weit!
Das Lied der Frühe, es ist ausgesungen!

Es hat der Sturm die Blätter mir zerzaust,
wild durch die Lüfte hat er mich geschwungen.
Wie gell er durch den Lebensbaum gebraust:
Mich zu bezwingen ist ihm nicht gelungen.

Ich wuchs und durfte reifen, Tag um Tag.
Weiss ich, wie dieses Dasein enden mag?
Genug! Ich reife auf des Lebens Flucht.

Der Sommer ging. Still tritt der Herbst ins Land …
und manchmal fühl ich eine kühle Hand –
wer will dich ernten, herbe Frucht?

Karl Stamm (1890-1919)

♥♥♥

September

herbststrauss gif

 

September

Der Dornbusch prangt im Schmuck der roten Beeren,
die Dahlien in ihrer bunten Pracht,
und Sonnenblumen mit den Strahlenspeere
stehn stolz wie goldne Ritter auf der Wacht.

Die Wespe nascht um gelbe Butterbirnen,
die Äpfel leuchten rot im Laub und glühn
den Wangen gleich der muntren Bauerdirnen,
die sich im Klee mit ihren Sicheln mühn.

Noch hauchen Rosen ihre süßen Düfte,
und freuen Falter sich im Sonnenschein,
und schießen Schwalben durch die lauen Lüfte,
als könnt des Sommerspiels kein Ende sein.

Nur ab und an, kaum daß der Wind die Äste
des Baumes rührt, löst leise sich ein Blatt,
wie sich ein stiller Gast vom späten Feste
heimlich nach Hause stiehlt, müde und satt.

Gustav Falke (1853 – 1916)

 

 

Ein einunddreißigster August

Lansch. See m. Spiegel u.Header gross...Helm.

Ein einunddreißigster August

Das war der letzte leuchtende August:
Der Sommer gipfelte in diesem Tage.
Und Glück erklang wie eine Seegrundsage
in den Vinetatiefen unsrer Brust.

Ein leises fernes Läuten kam gegangen –
und welche wollten selbst die Türme sehn,
in denen unsres Glückes Glocken schwangen:
so klar ließ Flut und Himmel sie verstehn.

Der Tag versank. Mit ihm Vinetas Stunde.
Septembrisch ward die Welt, das Herz, das Glück.
Ein Rausch nur wie von Tönen blieb zurück
und schwärmt noch über dem verschwiegnen Grunde.

Christian Morgenstern  (1871 – 1914)

*

Vineta (auf der ersten Silbe betont) ist der Name einer sagenhaften Stadt an der südlichen Ostseeküste. Der historische Kern der Sage geht wahrscheinlich auf die Überlieferung zu der hochmittelalterlichen Frühstadt zurück, die auch unter den Namen Jumne, Jomsburg, Julin o. ä. bekannt ist.

Atemloser August

landsch-herbst-von7

Atemloser August

Sommermonde machen Stroh aus Erde,
die Kastanienblätter wurden ungeheuer von Gebärde,
und die kühnen Bäume stehen nicht mehr auf dem Boden,
drehen sich in Lüften her gleich den grünen Drachen.
Blumen nahen sich mit großen Köpfen, und scharlachen,
blau und grün und gelb ist das Gartenbeet, hell zum Greifen,
als ob grell mit Pfauenschweifen ein Komet vorüberweht.
Und mein Blut, das atemlos bei den sieben Farbenstreifen stille steht,
fragt sich: wenn die Blum‘, Baum und Felder sich verschieben,
ob zwei Menschen, wenn die Welt vergeht,
zweie, die sich lieben, nicht von allen Wundern übrig blieben.

Max Dauthendey

Sommerabend

hnf0riyzdp5 Abend  vdreamies

 

Sommerabend

Die große Sonne ist versprüht,
der Sommerabend liegt im Fieber,
und seine heiße Wange glüht.
lach seufzt er auf: „Ich möchte lieber “
Und wieder dann: „Ich bin so müd “
Die Büsche beten Litanein,
Glühwürmchen hangt, das regungslose,
dort wie ein ewiges Licht hinein;
und eine kleine weiße Rose
trägt einen roten Heiligenschein.

Rainer Maria Rilke

August

Helmut La. 38

August

Wenn du dies liest – nicht wahr, du wirst es lesen? –
So ist ein Sommertag dahin; du sahst die Pracht
desselben, als ein überirdisch Wesen,
du auf dem Söller standst. Gabst du nicht acht
wie zugewinkt dir hat in stiller Wonne
der Baum, die Blume und die junge Frucht?
Gewiß, gäb’s Neid im Himmel, hätt‘ die Sonne
verdüstert sich voll Eifersucht.

Die Blumen beten sonst, wenn rings die Schatten
der Berge dunkeln und die Wälder ruh’n;
doch heut‘ vergaßen sie’s, denn ach sie hatten
zu viel mit deinem Bildnisse zu thun.
Und erst wenn sie dem Stern – ich seh‘ ihn glühen –
von dir erzählen, der wird schnell sein Licht
neugierig stellen an die Jalousien
und küssen dich in’s Angesicht.

Hörst du den Donner wohl? warum er rollte,
du weißt es nicht? Es war ein Wölkchen klein
und milchweiß, und das sah dich und es sollte
entfernen sich; da gab der Sehnsucht Pein
ihm jene wilde Sprache, daß die Kehle
der Nachtigall verstummt, du glaubst es nicht?
So sieh‘ jetzt wie sein Schmerz um deine Seele
in tausend Tropfen niederbricht!

Herrmann von Gilm zu Rosenegg

Aus tausend Quellen…

gute-nacht-3

Aus tausend Quellen quillt die Nacht
und übernimmt den Himmel unsrer Träume.
Da ist ein Licht noch – dort noch Bäume,
dann nichts mehr. Sintflut. Nur noch Nacht.

Aus Ozeanen ohne Licht erheben sich Gedanken,
wie Meerestiere schwimmen unsre Träume
mit schweren Flossen durch die Finsternis der Räume
und kreisen um die Hoffnungsschiffe, die versanken.

Guido Zernatto (1903 – 1943)

*

Blauer Sommer

Helmut 70

Ein blauer Sommer glanz- und gluthenschwer
geht über Wiesen, Felder, Gärten her.
Die Sonnenkrone glüht auf seinen Locken,
sein warmer Atem läutet Blütenglocken.

Ein goldnes Band umzieht die blaue Stirne,
schwer aus den Zweigen fällt die reife Frucht
und Sens und Sichel blitzt auf Flur und Feld,
und rot von Rosen ist die ganze Welt.

Carl Busse (1872 – 1918)

*