Die fünfte Jahreszeit

Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern
gebracht ist,
wenn sich die Natur niederlegt,
wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt,
so müde ist es –
wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist
und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –
dann ist die fünfte Jahreszeit.

Nun ruht es.
Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie
unmerklich aus leise wogender Brust.
Nun ist alles vorüber:
geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist,
geerntet ist – nun ist es vorüber.
Nun sind da noch die Blätter und die Sträucher,
aber im Augenblick dient das zu gar nichts;
wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist:
im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.

Mücken spielen im schwarzgoldenen Licht,
im Licht sind wirklich schwarze Töne,
tiefes Altgold liegt unter den Buchen,
Pflaumenblau auf den Höhen … kein Blatt bewegt sich.
Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt,
es ist ganz still.
Ein Boot, das flussab gleitet,
Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.

So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor.
Eines Morgens riechst du den Herbst.
Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig;
es hat sich eigentlich gar nichts geändert –
und doch alles.
Noch ist alles wie gestern:
Die Blätter, die Bäume, die Sträucher …
aber nun ist alles anders….

Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf,
und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören…
Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen
beiden liegt.
Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Kurt Tucholsky

*

Verträumt und müde wie ein Schmetterling im
September taumelt der Sommer das Gelände entlang.
Altweiberfäden wirren sich um seine zerrissenen
Flügel und die Blumen, die noch blühen,
haben keinen Honig mehr.

Am Hochwald drüben, hinter dem die Sonne glutet,
lauert die Nacht, gleich einer großen Spinne,
und wie ein engmaschiges Netz hängt sie die
Dämmerung vor das verflackernde Abendrot,
nach dem der Schmetterling seinen Flug nimmt.

Cäsar Otto Hugo Flaischlen

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