Garten der Seele

Helmut La. 44

GARTEN DER SEELE

Ich will dich führen – gib mir deine Hand –
In einsamstilles, erdenfernes Land.
Ein Garten liegt darin,
Ist voll von wilden Rosen
Und leuchtendem Jasmin.
Auf weichen Sammetmoosen
Schreitet dein Fuß dahin;
Und süße Stimmen raunen
Versonnene Melodien.
Dein Auge sieht voll Staunen,
Verlockend Wunder blüh’n
Und wilder Seligkeiten
Goldgold’ne Lichter sprühn…
Traumdunkle Einsamkeiten
Verwirren dir den Sinn;
Und alle Blüten werben
In zitterndem Bemüh’n,
An deiner Brust zu sterben,
In Schönheit zu verglühn – – –
Komm, geh‘ mit mir, laß mich nicht traurig warten.
Ich führe dich in meiner Seele Garten.

Josef Weinheber ( 1892-1945)

Frühlingsdämmerung

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Frühlingsdämmerung

In der stillen Pracht,
in allen frischen Büschen und Bäumen
flüstert’s wie Träumen
die ganze Nacht.

Denn über den mondbeglänzten Ländern
mit langen weißen Gewändern
ziehen die schlanken
Wolkenfrau’n wie geheime Gedanken,
senden von den Felsenwänden
hinab die behenden
Frühlingsgesellen, die hellen Waldquellen,
die’s unten bestellen
an die duftgen Tiefen,
die gerne noch schliefen.

Nun wiegen und neigen in ahnendem Schweigen
sich alle so eigen
mit Ähren und Zweigen,
erzählens‘ den Winden,
die durch die blühenden Linden
vorüber den grasenden Rehen
säuselnd über die Seen gehen,
daß die Nixen verschlafen auftauchen
und fragen,
was sie so lieblich hauchen –
wer mag es wohl sagen?

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 – 1857)

Die Seele…

Helmut La. 8

Die Seele unserer Seele

Ich glaube, dass es ein Ideal gibt,
das über der Erde schwebt
und sie durchdringt,
das Ideal des Paradieses,
das keine bloße Schöpfung
der Phantasie ist,
sondern letzte Wirklichkeit,
in der alle Dinge sind
und der alle Dinge zustreben.

Ich glaube,
dass diese Paradiesesvision
uns entgegenstrahlt
aus dem Sonnenlicht,
aus dem Grün der Erde,
aus dem fließenden Strom,
aus der Fröhlichkeit
des jungen Lenzes,
aus dem stillen Frieden
des Wintermorgens,
aus der Schönheit
des menschlichen Antlitzes
und dem Reichtum
menschlicher Liebe.

Überall auf der Erde
ist der Geist des Paradieses wach
und lässt seinen Ruf ertönen.

Er dringt an unser inneres Ohr.

(Rabindranath Tagore)

*

Nichts ist »ewig«,
weder in der Natur
noch im Menschenleben,
ewig ist nur der Wechsel,
die Veränderung.

August Bebel (1840-1913)

Herzlichen Glückwunsch

Tulpe7 von kostenlos

Den frohen Sinn der Jugend zu erhalten,
wenn auch das Alter schon die Locken bleicht,
das ist’s, was jeder wünscht, doch schwer erreicht,
weil nur dem Glücklichen es vorbehalten.

Ob wir nun fröhlich mit den Stunden schalten,
ob ihr phlegmatisch durch die Tage schleicht,
und ob’s im Busen stürmet oder schweigt,
es muss das Herz doch nach und nach erkalten.

Doch seh‘ ich Dich, so schwindet all mein Zagen;
denn ungebeugt im Kampfe mit der Welt
hast Du das Alter aus dem Feld geschlagen.

Wer sich den Mut in diesem Kampf erhält,
der bleibt, mag auch das Herz ihm leiser schlagen,
von ew’ger Jugend Sonnenschein erhellt.

Chlodwig Carl Viktor Fürst
zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819-1901)

*

Das Glück
ist im Grunde nichts anderes
als der mutige Wille zu leben
indem man die Bedingungen
dieses Lebens annimmt.

Maurice Barrés (1862-1923)

Herz-pin..

An den Flieder

Flieder von

Flieder, blütenfroher Flieder,
schlägst du bald die Augen auf,
deine leuchtenden blauen Augen?

Sehnsucht nach dir durchblüht das Land.
Veilchen sind fort, noch reden nicht Rosen.
Nur die leisen Glöckchen des Maien
läuten. Sie lockten dich immer herbei.

Heiß brennt die Sonne.
Heißer die heimliche Sehnsucht nach dir.

Flieder, blühst du,
stillt sich die Sehnsucht -,
lösest ganz leise die Flügel der Seele,
lähmst durch ein wonnig weiches Ermüden
die vor Erwartung erregten Gedanken,
wandelnd Leid und Lied in lauter
blühendes, liebendes All-Empfinden.

Karl Ernst Knodt (1856-1917)

 *

Bei uns blüht er schon!

Was ist…

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Was ist die Liebe?

O sprich! Was ist die Liebe?
In einem Wort die Welt!
Ein Märchen ohne Ende,
von Geistermund erzählt;

in einer kleinen Thräne
ein weiter Ozean,
in einem leisen Seufzer
ein wirbelnder Orkan;

der Himmel und die Hölle
in einem einz’gen Blick,
ein allvernichtend Wehe,
ein allumfassend Glück;

ein Blitz in einer Berührung,
der dich durchzuckt mit Macht,
dich überselig oder
dich überelend macht;

die Gegenwart und Zukunft
in einem Druck der Hand;
in einem einz’gen Kusse
ein lohender Weltenbrand,

ein magisches Gewebe
von Traum und Wirklichkeit,
in einem Augenblicke
die ganze Ewigkeit;
ein Meisterroman der Schöpfung,
des Lebens Poesie, –
das hohe Lied der Seele,
die Weltensymphonie;

ein rätselhaftes Dunkel,
ein Strahl des Gotteslichts,
ein Engel und ein Dämon,
ein Alles und ein Nichts!

*

Hermine Czigler von Eny-Vecse
(1840-1905)

Frohe Ostern

Helmut 70

Die Lerche stieg am Ostermorgen
empor ins klarste Luftgebiet
und schmettert‘ hoch im Blau verborgen
ein freudig Auferstehungslied.
Und wie sie schmetterte, da klangen
es tausend Stimmen nach im Feld:
Wach auf, das Alte ist vergangen,
wach auf, du froh verjüngte Welt!

Wacht auf und rauscht durchs Tal,
ihr Bronnen,
und lobt den Herrn mit frohem Schall!
Wacht auf im Frühlingsglanz der Sonnen,
ihr grünen Halm‘ und Läuber all!
Ihr Veilchen in den Waldesgründen,
ihr Primeln weiß, ihr Blüten rot,
ihr sollt es alle mit verkünden:
Die Lieb ist stärker als der Tod.

Wacht auf, ihr trägen Menschenherzen,
die ihr im Winterschlafe säumt,
in dumpfen Lüften, dumpfen Schmerzen
ein gottentfremdet Dasein träumt.
Die Kraft des Herrn weht durch die Lande
wie Jugendhauch, o laßt sie ein!
Zerreißt wie Simson eure Bande,
und wie die Adler sollt ihr sein.

Wacht auf, ihr Geister, deren Sehnen
gebrochen an den Gräbern steht,
ihr trüben Augen, die vor Tränen
ihr nicht des Frühlings Blüten seht,
ihr Grübler, die ihr fern verloren
traumwandelnd irrt auf wüster Bahn,
wacht auf! Die Welt ist neugeboren,
hier ist ein Wunder, nehmt es an!

Ihr sollt euch all des Heiles freuen,
das über euch ergossen ward!
Es ist ein inniges Erneuen,
im Bild des Frühlings offenbart.
Was dürr war, grünt im Wehn der Lüfte,
jung wird das Alte fern und nah.
Der Odem Gottes sprengt die Grüfte –
wacht auf! Der Ostertag ist da.

Emanuel Geibel (1815 – 1884)

*

Allen ein

frohes und gesegnetes

Osterfest!

eierkorb

Karsamstag

Helmut La. 21

Karsamstag

Ihr werdet traurig sein,
doch eure Traurigkeit soll
in Freude verwandelt werden.

Johannes 16,20b

*

Das Große
geschieht
so schlicht
wie das Rieseln
des Wassers,
das Fließen
der Luft,
das Wachsen
des Getreides.

Adalbert Stifter
(1805-1868)

Karfreitag

Blume von 2

Karfreitag

Karfreitags Krone. Heldenkönig! Einsames Haupt.
Verstoßen. Erheben
die feige Flucht verdammender Hände.
Ein suchender führender Quell.
Wenn ich erhöht sein werde, will ich alle zu mir ziehen.
Und die Welt, die schwere Welt, die leichtsinnschwere Welt,
fast schon oben, reißt ab, eine Wunde reißt auf,
der Seele, Wunde des Leibes, Wunde des Todes:
Vater verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.
Zum schmerzlichen Hohn der Dornenkrone
fallen kühlende Tropfen fühlender Größe.
Dem bedeutenden, einsamen Menschen an seinem Tage nahe sei,
so ist stiller Freitag, so ist Ostern
trauerhelles Opferglück.
Abschiednehmendes Wiedersehn.

Peter Hille (1854-1904)

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Im Frühling

Helmut 68

Im Frühling

Morgenduft!
Frühlingsluft!
Glühend Leben,
mutige Lust,
freudiges Streben
in freudiger Brust!
Hinauf, hinauf
auf der lichten Bahn
dem Frühling entgegen!
Auf allen Fluren
der Liebe Spuren,
der Liebe Segen.
Wälderwärts
zieht mich mein Herz,
Bergaus, Bergein,
frei in die Welt hinein,
durch des Tages Glut,
durch nächtlich Grausen.
Jugendmut
will nicht weilen und hausen.
Wie alle Kräfte gewaltig sich regen,
mit heißer Sehnsucht spät und früh,
dem ewigen Morgen der Liebe entgegen,
entgegen dem Frühling der Phantasie!

*

Karl Theodor Körner (1791 – 1813)