Liebeslied… (Rilke)

 

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Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

 

Rainer Maria Rilke

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Später Sommer

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Später Sommer

Verschwunden sind vom Feld die letzten Garben.
Das Laub der Bäume schimmert rostigbraun.
Der Garten strahlt jetzt in Spätsommerfarben,
und draußen steht der Herbst schon vor dem Zaun.
Der Nebel senkt sich wie ein grauer, feuchter Hauch
auf Flur und Au und auf den Hagebuttenstrauch.
Ein letzter Gruß der bunten Georgine,
dann greife ich zur Winterpellerine.

Die Luft ist kühl, es schwingt in ihr ein Grämen,
so wie ein fernes, kaum geahntes Leid.
Es ist so wie ein stilles Abschiednehmen
von einer schönen, vielgeliebten Zeit.
Die Erde prangt in ihrem letzten Blumenflor,
bereitet sich auf herbstlich rauhe Tage vor.
Die Astern blühn so prächtig wie ein Wunder.
Im Glase blinkt und funkelt der Burgunder.

Jetzt rüsten sich die Vöglein auch zum Reisen,
versammeln sich in Scharen im Geäst.
Sie ruhen aus, sie fliegen auf und kreisen.
Es ist so wie ein Sommer-Abschiedsfest.
Bald geht mein Zug, denn heute ist der letzte Tag.
Mir ist so weh, daß ich es kaum beschreiben mag.
Verklungen sind des Sommers frohe Lieder.
Die Träne rinnt, der Asphalt hat mich wieder.

Fred Endrikat (1890-1942)

Sonnenblumen

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Sonnenblumen

Sonnenblumen schauen über die Gartenmauer,
wie in goldenen Hauben Gesichter von Frauen.
Sie sehen aus goldgelben Krausen heraus
hochaufgerichtet wie zur ewigen Dauer;
wie Riesinen, die Wache bei den Lauben stehen,
bei den Sommerlauben von hochroten Bohnenblüten,
drinnen Tisch und Bänke und Gedanken nicht vom Flecke gehen;
wo die Worte sich hüten, und die Augen viel gestehen und groß aussehen
wie die großgelben Blumen, die sich nach der Sonne drehen,
wie die Blumen, die goldene Räder werden an Wagen,
die mit den Verliebten durch den Sommerhimmel jagen
und eitel Liebeswünsche tragen.

Max Dauthendey

Harfen im Wind

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Harfen im Wind

Harfenklänge.
Weben verhalten
zarte Töne zwischen
silbernem Himmelslicht
und mattigblauer
Abenderde.
Besingen Tage
der Kindheit.
Blühende Gärten
der Jugend.
Die Mitte des Lebens.
Die Jahre, in
denen die Schatten
länger geworden.
Harfenklänge.
Leise, wie aus fernen
Welten.
Sie bereichern die Träume.
Trösten, was gestern
quälte.
Machen Mut.
Aufzustehen
aus Müdigkeit
von Beschwer.
Klingen bis
zum Horizont.
Über Zeit,
über Raum.
Weit hinaus aus dieser Welt.
Schatten dunkeln des Mondes Scheibe.
Die Toten schlafen.

© Elsbeth Olbertz
Mit freundlicher Genehmigung
der Autorin.

Wir drei

 

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Wir drei

Unsere Seelen hingen an den Morgenträumen
wie die Herzkirschen,
wie lachendes Blut an den Bäumen.

Kinder waren unsere Seelen,
als sie mit dem Leben spielten,
wie die Märchen sich erzählen.

Und von weißen Azaleen
sangen die Spätsommerhimmel
über uns im Südwindwehen.

Und ein Kuß und ein Glauben
waren unsere Seelen eins,
wie drei Tauben.

Else Lasker-Schüler (1869-1945)

 

Septembernacht

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Septembernacht

Das sind die zarten, sommermüden Nächte,
die still und sanft aus linden Mutterhänden
der müdgehetzten Seele Ruhe spenden.

Wie weisse, lichte Nebel ziehn die Stunden,
und über heisse, nievernarbte Wunden
kühlt köstlich heilendes Vergessen.

Und Kindheitsträume, keusch wie Frühlingsblumen,
die lang im hartgefrornen Erdreich schliefen,
entsteigen den verborgnen Seelentiefen.

Und breiten leise flaumbedeckte Schwingen,
die lautlos zu den weissen Fernen dringen …
in diesen stillen herbstgebornen Nächten.

Maria Waser (1878-1936)

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Die fünfte Jahreszeit

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 Die fünfte Jahreszeit

Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist,
wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt,
so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe
Herbst noch nicht angefangen hat – dann ist die fünfte Jahreszeit.

Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich
aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist,
gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber .
Nun sind da noch die Blätter und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu
gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist:
im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.

Mücken spielen im schwarzgoldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne,
tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen …
kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt,
es ist ganz still. Ein Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.

So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst.
Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert –
und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher …
aber nun ist alles anders….

Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht,
es solle nie, nie aufhören… Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen
beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

Kurt Tucholsky (1890-1935)

 

Gedenke, Seele…

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Gedenke, Seele, deiner Blütenzeit!
Wie ist sie fern! Versunken und verklungen!
Ihr blauen Tage, o wie seid ihr weit!
Das Lied der Frühe, es ist ausgesungen!

Es hat der Sturm die Blätter mir zerzaust,
wild durch die Lüfte hat er mich geschwungen.
Wie gell er durch den Lebensbaum gebraust:
Mich zu bezwingen ist ihm nicht gelungen.

Ich wuchs und durfte reifen, Tag um Tag.
Weiss ich, wie dieses Dasein enden mag?
Genug! Ich reife auf des Lebens Flucht.

Der Sommer ging. Still tritt der Herbst ins Land …
und manchmal fühl ich eine kühle Hand –
wer will dich ernten, herbe Frucht?

Karl Stamm (1890-1919)

♥♥♥

September

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September

Der Dornbusch prangt im Schmuck der roten Beeren,
die Dahlien in ihrer bunten Pracht,
und Sonnenblumen mit den Strahlenspeere
stehn stolz wie goldne Ritter auf der Wacht.

Die Wespe nascht um gelbe Butterbirnen,
die Äpfel leuchten rot im Laub und glühn
den Wangen gleich der muntren Bauerdirnen,
die sich im Klee mit ihren Sicheln mühn.

Noch hauchen Rosen ihre süßen Düfte,
und freuen Falter sich im Sonnenschein,
und schießen Schwalben durch die lauen Lüfte,
als könnt des Sommerspiels kein Ende sein.

Nur ab und an, kaum daß der Wind die Äste
des Baumes rührt, löst leise sich ein Blatt,
wie sich ein stiller Gast vom späten Feste
heimlich nach Hause stiehlt, müde und satt.

Gustav Falke (1853 – 1916)

 

 

Ein einunddreißigster August

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Ein einunddreißigster August

Das war der letzte leuchtende August:
Der Sommer gipfelte in diesem Tage.
Und Glück erklang wie eine Seegrundsage
in den Vinetatiefen unsrer Brust.

Ein leises fernes Läuten kam gegangen –
und welche wollten selbst die Türme sehn,
in denen unsres Glückes Glocken schwangen:
so klar ließ Flut und Himmel sie verstehn.

Der Tag versank. Mit ihm Vinetas Stunde.
Septembrisch ward die Welt, das Herz, das Glück.
Ein Rausch nur wie von Tönen blieb zurück
und schwärmt noch über dem verschwiegnen Grunde.

Christian Morgenstern  (1871 – 1914)

*

Vineta (auf der ersten Silbe betont) ist der Name einer sagenhaften Stadt an der südlichen Ostseeküste. Der historische Kern der Sage geht wahrscheinlich auf die Überlieferung zu der hochmittelalterlichen Frühstadt zurück, die auch unter den Namen Jumne, Jomsburg, Julin o. ä. bekannt ist.