Ein Lied an…

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Ein Lied an Gott

Es schneien weiße Rosen auf die Erde,
warmer Schnee schmückt milde unsere Welt;
die weiß es, ob ich wieder lieben werde,
wenn Frühling sonnenseiden niederfällt.
Zwischen Winternächten liegen meine Träume
aufbewahrt im Mond, der mich betreut –
und mir gut ist, wenn ich hier versäume
dieses Leben, das mich nur verstreut.

Ich suchte Gott auf innerlichsten Wegen
und kräuselte die Lippe nie zum Spott.
In meinem Herzen fällt ein Tränenregen;
wie soll ich dich erkennen lieber Gott …
Da ich dein Kind bin, schäme ich mich nicht,
dir ganz mein Herz vertrauend zu entfalten.
Schenk mir ein Lichtchen von dem ewigen Licht! – – –
zwei Hände, die mich lieben, sollen es mir halten.

So dunkel ist es fern von deinem Reich
o Gott, wie kann ich weiter hier bestehen.
Ich weiß, du formtest Menschen, hart und weich,
und weintetest gotteigen, wolltest du wie Menschen sehen.
Mein Angesicht barg ich so oft in deinem Schoß –
ganz unverhüllt: du möchtest es erkennen.
Ich und die Erde wurden wie zwei Spielgefährten groß!
Und dürfen »du« dich beide, Gott der Welten, nennen.

So trübe aber scheint mir gerade heut die Zeit
von meines Herzens Warte aus gesehen;
es trägt die Spuren einer Meereseinsamkeit
und aller Stürme sterbendes Verwehen.

Else Lasker Schüler (1869-1945)

Eis-Nacht

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Eis-Nacht

Wie in Seide ein Königskind
schläft die Erde in lauter Schnee,
blauer Mondscheinzauber spinnt
schimmernd über der See.

Aus den Wassern der Raureif steigt,
Büsche und Bäume atmen kaum:
durch die Nacht, die erschauernd schweigt,
schreitet ein glitzernder Traum.

Clara Müller-Jahnke

*

Selbst der strengste Winter hat Angst vor dem Frühling.

Johann Wolfgang von Goethe

 

Winterabend

 

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Winterabend

Da draußen schneit es: Schneegeflimmer
wies heute mir den Weg zu dir;
ein tret‘ ich in dein traulich Zimmer,
und warm ans Herze fliegst du mir –
ab schüttl‘ ich jetzt die Winterflocken,
ab schüttl‘ ich hinterdrein die Welt,
nur leise noch von Schlittenglocken
ein ferner Klang herübergellt.

»Nun aber komm, nun laß uns plaudern
vom eignen Herd, von Hof und Haus!«
Da baust du lachend, ohne Zaudern,
bis unters Dach die Zukunft aus;
du hängst an meines Zimmers Wände
all meine Lieblingsschilderein,
ich seh’s und streck‘ danach die Hände,
als müss‘ es wahr und wirklich sein.

So flieht des Abends schöne Stunde,
vom fernen Turm tönt’s Mitternacht,
die Mutter schläft, in stiller Runde
nur noch die Wanduhr tickt und wacht.
Ade, ade! von warmen Lippen
ein Kuß noch, – dann in Nacht hinein:
Das Leben lacht, trotz Sturm und Klippen,
nur Steurer muß die Liebe sein.

Theodor Fontane (1819-1898)

*

Allen einen schönen, gemütlichen Abend! Herz-pin..

Was ich sein werde…

Was ich sein werde….
Friere unter Espen,
die aufrecht stehen
unter himmlischen Tiefblau
mit weiten Ästen
den Himmel berühren.
In der Kälte des
Januartages
schweifen Gedanken
fort.
Spüre wohltuend
die Stille.
Die ein Teil
von mir wird.
Gedanken,
die eben noch irrten,
gleich suchenden Augen,
enden da oben.
Ruhen auf diesem Bild.
Gedanken sammeln sich.
Verwandeln.
So gewohnt, vertraut
ist sonst das Bild.
Heute nicht.
Neu der Mittag
mischt Licht, Schatten.
Bald wird der
Sonnenball
hinter den Bäumen schwinden.
Ins filigrane Geäst
werden Nebelschleier
fallen.
Eine Welt für sich.
Dieser Baum.
Einfach,
wie er da steht.
Vollendet schön.

Frierend denke ich,
was ich wohl einst sein werde.
Gib mir noch etwas Zeit.
Bis zur Schlußoktav.

(c) Elsbeth Olbertz

Mit freundlicher Genehmigung.
Vielen Dank!

Die Stille

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Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände –
hörst du: es rauscht…
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider
und auch das ist Geräusch bis zu dir,
hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder…
…Aber warum bist du nicht hier.

Der Abbruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
auf meinen Athemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Ein winterliches…

Helmut Wi. 11

Ein winterliches Gedicht

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.
Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.

Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.
Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder,
der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die Wälder.

Alexander Sergejewitsch Puschkin

(1799 – 1837)

*

Allen einen schönen Samstag!

Winterruh

Auf dem Pfade durch den Wald
bin letzthin ich gegangen;
rechts und links die Bäume all
sind mit Schnee behangen.
Keinen Laut hört ich im Wald.
Wo sonst Quellen flossen,
da herrscht jetzt des Eises Hauch:
Bächlein sind verschlossen.

Keinen frohen Vogelsang,
keinen bunten Reigen!
Kurz, kein einziger Lebenshauch
will sich ringsum zeigen.
Totenstille herrscht ringsher,
öder Wald, wie düster!
Doch dort drüben in dem Tann
hör ich ein Geflüster.

Wie ich horchte angespannt,
hörte ich voll Staunen,
daß die Büsche, Tannen all
leis zusammenraunen.
Sie erzählen leis, ganz leis
von den Frühlingstagen,
daß bald, bald, trotz Schnee und Eis,
wird die Amsel schlagen.

Daß das zarte Grün bald sproßt,
und die Quellen springen,
daß bald wieder Blümlein blühn
drunten in den Klingen.
Wie ich’s hatte nun erlauscht,
ging ich still von dannen;
also auch trotz Frost und Schnee
frühlingsfrohes Ahnen!

Regine Merkle (1875 – 1903)

Neujahrslied

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Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zur Seiten.

War´s nicht so im alten Jahr?
Wird´s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder,
und kein Wunsch wird´s wenden.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schön gemischt, noch eh wir´s bitten,
ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jeden Mut für seine Leiden
in die neuen Tage.

Jedem auf des Lebens Pfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite.

Johann Peter Hebel (1760-1826)

*

Allen einen schönen Neujahrstag

und ein frohes Neues Jahr!

Ein gutes, gesundes neues Jahr!

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Ihr Lieben!
Einen guten Rutsch ins neue Jahr
und alles erdenklich Liebe und Gute,
viel Glück und Gesundheit für 2017!

Wir wollen glauben
an ein langes Jahr,
das uns gegeben ist,
neu, unberührt,
voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe, Anspruch,
Zumutung.

Wir wollen sehen,
dass wir´s nehmen lernen,
ohne allzu viel fallen zu lassen,
von dem, was es zu vergeben hat,
an die, die Notwendiges,
Ernstes und Großes
von ihm verlangen.

Rainer Maria Rilke

*

Das Jahresende ist kein Ende
und kein Anfang, sondern ein
Weiterleben mit der Weisheit,
die uns die Erfahrung gelehrt hat.

Hal Borland – Kalenderblatt

„Ein gesegnetes Neues Jahr“
wünscht Euch von Herzen, Elke

Ich wache noch…

 

Ich wache noch in später Nacht und sinne,
wie ich dir etwas Liebes sagen möchte,
daß ich dir einen Kranz von Worten flöchte,
daraus du würdest meiner Sehnsucht inne,

die mich nach deiner Gegenwart erfüllet,
als wär‘ ich nur bei Dir gewahrt vor Sorgen,
als lebt‘ ich nur in Deinem Blick geborgen,
dem teuren Blick, der mich in Liebe hüllet.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

*

Ich aber bleibe
und werde auf dich warten,
bis in das Wehen
all meines schwarzen Haares
der Rauhreif sich gesetzt hat.

Aus Japan